Kindergrab

Das Kindergrab auf dem Friedhof St. Johann

An der Nordseite des Friedhofs St. Johann, direkt an der Kirchenmauer, befindet sich eine Grabstätte mit einer Gedenktafel. Auf dieser Tafel wird an 151 Kinder erinnert, die zwischen Juli 1944 und April 1945 dort begraben worden sind. Die Mütter dieser Kinder waren Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa, vor allen Dingen aus Polen und der Ukraine, die in den Munitionsfabriken in der Nähe von Aschau im Einsatz waren. Sie mussten ihre Kinder in der sogenannten Kinderpflegestätte in Burgkirchen zur Welt bringen und durften nur kurze Zeit bei ihnen bleiben. Danach sind die Neugeborenen schutzlos meist schon wenige Wochen nach ihrer Geburt an Unterernährung, Kälte und mangelnder Pflege gestorben. Gegen den ausdrücklichen Befehl der Lagerleitung taufte der damalige Burgkirchner Pfarrer Karl Fürstberger einige der Kinder und sorgte für eine würdige Bestattung. Außerdem trug er ihre Namen und die Sterbedaten ins Kirchenbuch ein. Der Historiker Peter Jungblut aus Mehring hat in seinem Beitrag zum Burgkirchner Heimatbuch über das Geschehen in der Kinderpflegestätte berichtet und die politischen Hintergründe erläutert.

Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen pflegt seit über 20 Jahren das Kindergrab. Alljährlich, am Vorabend des Volkstrauertages im November findet ein Gedenken an diese 151 Kinder statt, denen die Nationalsozialisten und ihr Rassenwahn das Recht auf Leben verweigert haben.

 

Auszug aus "Auch ein Stück Heimatgeschichte"

Von Peter Jungblut Für Jonina Krawozyk ist Gendorf ein Ort des Schreckens. Hier mußte die junge Polin im Winter 1945 eine der vielen Grausamkeiten des Nationalsozialismus erleiden. Jonina Krawozyk war 1926 in Radom geboren worden, einer größeren Stadt etwa 150 Kilometer südlich von Warschau. Im April 1943 verschleppte die Geheime Staatspolizei die 17jährige Frau zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich. Für einen Hungerlohn wurde Jonina Krawozyk auf einer Großbaustelle im Mettenheimer Forst bei Mühldorf eingesetzt. Dort sollten Tausende von Konzentrationslager-Häftlingen und ausländischen Arbeitskräften eine riesige unterirdische Flugzeugfabrik aus dem Boden stampfen. Die Gesundheit der Arbeiter und Arbeiterinnen zählte nichts, das Tempo des Baufortschritts alles. Viele Zwangsarbeiter mußten abends in Erdlöcher zurückkehren, für Unterkünfte gab es kein Baumaterial. Frauen wie Jonina Krawozyk hatten es in einer Hinsicht noch schwerer als die männlichen Arbeitssklaven der Nazis. Nicht wenige Frauen wurden schwanger. Zur Sorge um das eigene Leben kam die Angst um das Kind. In den ersten Januartagen des Jahres 1945 wird Frau Krawozyk hochschwanger nach Gendorf gefahren. Seit dem Sommer 1944 war es üblich, Ostarbeiterinnen der Großbaustelle Mühldorf zur Entbindung in eine sogenannte Kinderpflegestätte zu bringen. Eine Bezeichnung, die die zusammengenagelten Holzbaracken vor den Werkstoren der Chemiefabrik in Gendorf kaum verdienten. Am 8. Januar 1945 bringt Jonina Krawozyk auf dem Gendorfer Gelände einen Sohn zur düsteren Welt. Sie nennt ihn Josef. Das Kind ist gesund, aber von den nationalsozialistischen Machthabern unerwünscht. Drei Wochen darf die Mutter den kleinen Josef betreuen. 21 Tage, in denen das Kind erfahren kann, was menschliche Zuneigung und Wärme bedeuten. Danach kamen Kälte, Hunger, Krankheit und Tod. Am 30. Januar 1945, dem Tag, an dem Adolf Hitler aus seinem Berliner Bunker das letzte Mal eine Rundfunkrede hält, muß Jonina Krawozyk zurück auf die Baustelle. Für die junge Frau war die Verabschiedung von Gendorf ein grausamer Augenblick, wußte sie doch, wie das deutsche Pflegepersonal Josef behandeln würde. Mehrmals am Tag ein bißchen Magermilch, oder auch nur Zuckerwasser, das war die Verpflegung. Die Dächer der Holzbaracke, in der die Kinder lagen, waren undicht. Die Räume zugig, eiskalt, feucht. Am 15. Februar durfte Jonina Krawozyk ihren Sohn noch einmal besuchen. An diesem Tag war das Kind bereits sichtbar krank. Zwei Wochen in Gendorf hatten ihre Spuren hinterlassen. Doch die Nazis kannten kein Mitleid für Menschen aus Osteuropa. Nach einigen Besuchsstunden mußte Frau Krawozyk zurück an den Arbeitsplatz. Am 4. März 1945 soll Josef gestorben sein. Das genaue Datum ist nicht festzustellen, oft lagen tote Kinder ein paar Tage unbeachtet herum, bevor sich die deutsche Verwaltung die Mühe machte, die Bestattung zu veranlassen. Frau Krawozyk wurde es erlaubt, die Leiche Josefs anzusehen. Das Kind war völlig abgemagert, von offenen Wunden übersät. Wenige Tage später wird Josef Krawozyk auf dem Friedhof in Burgkirchen beerdigt. Opfer Nummer 110. Ein Schicksal, das sich seit August 1944 in Gendorf nahezu täglich wiederholte, manchmal mehrmals am Tag. Die Kinderpflegestätte Gendorf war kein Ausnahmefall. Die Nazis machten sich seit Ende 1942 darüber Gedanken, was mit den Kindern von Frauen geschehen sollte, die als Zwangsarbeiterinnen in der deutschen Rüstungsindustrie eingesetzt waren. SS-Chef Heinrich Himmler machte den Vorschlag, die Kinder in „gute" und „schlechte" Rassen einzuteilen. Die „gutrassigen" Kinder sollten in besonderen Erziehungsanstalten zu Deutschen erzogen werden, die anderen in Sammelunterkünften aufbewahrt werden. Was dort mit den Babys gemacht werden sollte, wurde zwar nicht offen ausgesprochen, aber die Verantwortlichen wußten es sehr genau. Wichtig war für Himmler vor allem eines: die Sammelunterkünfte mußten einen möglichst „hochtrabenden" Namen bekommen, damit Außenstehende nicht mißtrauisch wurden. „Kinderpflegestätte" klang gerade richtig. Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Nationalsozialisten auch mit den Mitteln der Sprache ihre Gewalttätigkeit ausübten.

Im Mai 1944 befahl der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, überall im Deutschen Reich Sammelunterkünfte für die Kinder von Ostarbeiterinnen einzurichten. Zu diesem Zeitpunkt herrschte Sauckel über fünf Millionen Arbeitssklaven, die das NS-Regime vor der militärischen Niederlage retten sollten. Zuständig für die „Kinderpflegestätten" waren die Kreisverbände der „Deutschen Arbeitsfront" (DAF). In Altötting leitete diese Organisation Georg Schmid. Der DAF-Kreischef sorgte noch in den allerletzten Kriegstagen für eine traurige Berühmtheit. Am 28. April 1945 alarmierte Schmid ein SS-Kommando, um gegen die Befehlsverweigerung des Altöttinger Landrats Josef Kehrer einzuschreiten. Mehrere Männer des Widerstands wurden daraufhin erschossen. Auch im Umgang mit den Kindern der Gendorfer „Pflegestätte" zeigte sich Georg Schmid nicht sehr zimperlich. Er ordnete an, daß selbst NSDAP-Funktionäre nur nach seiner ausdrücklichen Zustimmung die Räume mit den Kindern betreten durften. Im August 1944 beschwerte sich Schmid darüber, daß in Gendorf nicht genug Kinder starben. In anderen „Pflegestätten" liege die monatliche Todesrate bei 25 Prozent, soll er gesagt haben. Auf seinen ausdrücklichen Befehl wurde eine geplante Innentoilette nie gebaut, es blieb bei einer völlig verschmutzten und unbeheizten Latrine.

Bis Ende September 1944 leitete die Gendorfer „Pflegestätte" eine deutsche Krankenschwester. Wie es zu diesem Zeitpunkt in den Baracken aussah, berichtet Antonina Lunenfeld, damals eine junge Sekretärin in Kraiburg am Inn. Frau Lunenfeld arbeitete auch als Übersetzerin und begleitete im Sommer 1944 ukrainische Zwangsarbeiterinnen mit ihren Kleinkindern nach Gendorf. Als den Frauen mitgeteilt wurde, daß sie ihre Kinder in Gendorf zurücklassen mußten, bestürmten sie ihre deutsche Begleiterin verzweifelt, etwas gegen diesen Befehl zu unternehmen. Die Übersetzerin war natürlich machtlos. Trotzdem versuchte sie, das Schicksal der Kinder zu verbessern. Der Köchin in Gendorf machte Antonina Lunenfeld Vorwürfe, weil sie den Babys Bohnenkaffee und größere Gemüsestücke zubereitete, statt Gemüsesaft auszugeben. „Als ich mich über das Essen beschwerte, sagte mir die Köchin, das sei nicht mein Problem," berichtet Frau Lunenfeld weiter. „Ich ging dann in den Raum, in dem die Kinder lagen. Es war dort sehr kalt, die meisten Kinder waren naß und schrien laut. Obwohl es bereits acht Uhr früh war, waren keine Krankenschwestern anwesend. Ich fragte nach, warum das Zimmer so kalt war und warum man sich nicht mehr um die Kinder kümmerte. Eine russische Frau erzählte mir, daß es keine Kohlen gebe und daß niemand an den Kindern Interesse habe." Wenn die Sekretärin die Leichen von Kindern sah, gab man ihr auf die Frage nach der Todesursache zynische Antworten. Einmal hieß es, das Kind sei von einer Ratte gebissen worden, ein anderes Mal, das Herz sei zu schwach gewesen. Die wahren Todesursachen lagen woanders. Allen Babys wurde die Muttermilch vorenthalten, viele hatten aufgrund Vitaminmangels Rachitis. Oft kam eine Lungenentzündung hinzu, wie ein deutscher Arzt nach Kriegsende aussagte. Für Kinder ungenießbares Essen, verseuchtes Leitungswasser, verschmutzte Toiletten und fehlende warme Kleidung ließen den Babys keine Chance. Möglicherweise wurden einige Kleinkinder sogar vergiftet. Nach dem Krieg gab es Hinweise darauf, daß eine russische Ärztin Injektionen verabreichte. Da die Aussagen nie nachgeprüft wurden, muß der Wahrheitsgehalt ungeklärt bleiben. Verbürgt ist dagegen, daß die Nationalsozialisten Frauen aus Osteuropa dazu drängten, möglichst rasch abzutreiben. Während deutsche Frauen systematisch zur Viel-Kinder Familie erzogen werden sollten, galten schwangere Zwangsarbeiterinnen als lästig. Ab Oktober 1944 verdoppelte sich die Sterberate in Gendorf. Ein neuer Mann war von Georg Schmid an die Spitze der „Pflegestätte" gesetzt worden: Matthias Ottmann. Mit der Betreuung von Kleinkindern hatte Ottmann bis dahin nie in seinem Leben zu tun gehabt. Stattdessen war er seit 1936 Leiter der NSDAP-Kreisstelle. Offenbar aus der Sicht der Machthaber eine gute Garantie dafür, daß die „Pflegestätte" zu einer funktionierenden TötungsEinrichtung wurde. Ottmann ist einer von vielen Parteigenossen, die nach dem Krieg ihre persönliche Verantwortung am NS-Terror nicht wahrhaben wollten. Für den Tod von 150 Kindern machte er die Unachtsamkeit seiner untergebenen Krankenschwestern verantwortlich. Wurde er gefragt, warum er selbst nichts unternommen habe, um die erschreckenden Zustände in Gendorf zu ändern, berief er sich auf Befehle von oben. Zeichen von Reue oder Trauer zeigte Ottmann nicht. Beim Verhör durch die amerikanischen Besatzungsbehörden verwickelte er sich laufend in Widersprüche. Er behauptete beispielsweise, regelmäßig in der Küche der Pflegestätte das Essen für die Kinder nachgeprüft zu haben. Was die Babys tatsächlich an Nahrungsmitteln bekamen, konnte Ottmann allerdings nicht sagen. Hochschwangere Frauen schickte er in den kalten Wintermonaten zum Holzholen, weil er das für eine ideale „Körperertüchtigung" hielt. Das Kommando in Gendorf war für Ottmann eine Art Strafversetzung durch seinen Chef in der NSDAP, den Kreisleiter. Zu ihm hatte Ottmann nach eigener Aussage ein gespanntes Verhältnis. In Gendorf war schmutzige Arbeit zu leisten, und dazu wurde ein bewährter Parteigenosse wie Ottmann gebraucht, der allerdings in den eigenen Reihen nicht über die Maßen beliebt war. Die Kinderleichen wurden regelmäßig von einem jungen Russen mit dem Vornamen Wasil zum Burgkirchener Pfarrer gebracht. Manchmal trug Wasil die Toten auf den bloßen Armen zur Kirche, manchmal benutzte er einen Handwagen. „Die ersten Leichen wurden mir in einer, einfachen Holzkiste übergeben, „erinnerte sich Pfarrer Karl Fürstberger an die Spätsommertage 1944." „Ich sagte Wasil, daß das falsch sei und daß ein ordentlicher Sarg für diese Leichen beschafft werden sollte, um eine würdige Bestattung abzuhalten. Anfangs waren die Eltern der Kinder beim Begräbnis nicht anwesend. Ich verlangte, die Eltern für die Bestattung herzuholen, sonst würde ich das Begräbnis nicht begleiten." Der Pfarrer taufte einige der Neugeborenen, obwohl Ottmann das nicht erlaubte. Sonntags, wenn der Leiter der „Pflegestätte" nicht anwesend war, wagten sich die Mütter jedoch in die Kirche. Karl Fürstberger mußte nach einigen Monaten dafür sorgen, daß ein zweites Massengrab unmittelbar neben seiner Kirche ausgehoben wurde. Das erste, es maß drei auf zehn Meter, war zu klein geworden für die vielen kleinen Leichen. Das zweite war noch größer ausgelegt. Das Grab an der Nordseite der Kirche St. Johann ist heute Gedenkstätte. Die Sterbedaten der 151 Säuglinge hat Pfarrer Fürstberger im Kirchenregister der katholischen Pfarrgemeinde Burgkirchen a.d.Alz verzeichnet. Von Peter Jungblut sind zwei Broschüren erhältlich, in denen er sich ausführlich mit Burgkirchen während der NS-Zeit beschäftigt. Der Tod in der Wiege. Gendorf 1939-45, 1989 "Aus rein strategischen Gesichtspunkten". Gendorf 1939-1945, 2003 Interessierte wenden sich bitte an: Theresia Blaschke, Gartenstraße 9

Mitglied werden!

Mitglied werden!

Kandidatin

zur Homepage von Annette Heidrich
und zum Blogg


Neues aus Berlin

Meldungen von Bärbel Kofler MdB

 

Termine

21.09.2017, 08:00 Uhr OV Burghausen: Infostand

22.09.2017, 14:00 Uhr - 15:00 Uhr Bürgersprechstunde mit MdL Günther Knoblauch

24.09.2017, 08:00 Uhr - 18:00 Uhr Bundestagswahl

25.09.2017, 19:00 Uhr - 25.09.2017 OV Burghausen: politisches Cafe

26.09.2017, 19:00 Uhr Sitzung erw. Unterbezirksvorstand

08.10.2017 - 08.10.2017 OV Kraiburg: pol. Frühschoppen

Alle Termine

Spendenadresse

SPD Ortsverband Burgkirchen
IBAN DE26 7115 1020 0000 0955 47
BIG BYLADEM1MDF
Sparkasse Altötting-Mühldorf
Spendenqittung von
Hermann Frey, Kassier